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Details

Phasen des Übens

„Üben“ bedeutet im Idealfall, dass man iterative Phasen durchläuft. Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, diese Phasen einzuteilen und zu benennen. Für unsere Zwecke haben wir uns für eine Sequenz entschieden, die sowohl die Übenden als auch die Unterrichtenden in den Blick nimmt.

1. Wahrnehmen

Die Bereitschaft, bewusst wahrzunehmen, ist eine essenzielle Voraussetzung für gutes und effektives Üben.

Es wird nach dem „Wie“ gefragt. Die Schulung der Wahrnehmung ist Teil des Unterrichts. Durch Reflexion, zielgerichtete Fragen usw. lernen Übende, das Gespielte zunehmend differenzierter wahrzunehmen und dafür auch Worte zu finden.

Folgende Wahrnehmungskanäle stehen uns dafür beim Üben in der Regel zur Verfügung:

  • Auditiv (Hören) - das eigene Spiel hören - Intonation, Klangqualität und Zusammenspiel wahrnehmen
  • Visuell (Sehen) - Noten lesen - Mitspielende anschauen - Bewegungen beobachten
  • Kinästhetisch (Bewegung) - eigene Bewegungen und deren Ablauf wahrnehmen
  • Taktil (Tasten/Berühren) - Kontakt, Druck und Berührung wahrnehmen
  • Propriozeptiv (Körperwahrnehmung) - Körperstellung und Spannung  wahrnehmen

Je nach Alter und Entwicklungsstand übernimmt die Lehrkraft das Wahrnehmen.

2. Diagnostizieren

Hat man gut wahrgenommen, wird man zunehmend treffsicher die Stellen diagnostizieren, bei denen zu diesem Zeitpunkt Handlungsbedarf besteht.

Es wird nach dem „Was“ gefragt. Üblicherweise orientieren wir uns dabei an folgenden Parametern:

  • Instrumentaltechnik - Fingertechnik, Bogenführung, Anschlag
  • Rhythmus - Puls, Timing, Präzision
  • Klang - Tonqualität, Klangfarbe, Resonanz
  • Intonation - Tonhöhe, Intervalle, Zusammenklang
  • Ausdruck - Dynamik, Phrasierung, Artikulation
  • Interpretation - Stilistik, Tempo, musikalische Gestaltung

Je nach Alter und Entwicklungsstand übernimmt die Lehrkraft das Diagnostizieren.

3. Analysieren

Mit zunehmender Erfahrung gelingt es immer besser, die Ursache für ein Problem zu finden.

Es geht um die Frage nach dem „Warum“. Dabei ist es nicht ungewöhnlich, dass es mehrere Ursachen oder sogar Kettenreaktionen gibt. Die Analyse ist im Vergleich zur Diagnose deutlich aufwendiger, weil man durchaus ausprobieren muss, woran es tatsächlich liegt. Empfehlenswert ist es, das Problem in Kleinstteile zu zerlegen und sich auf Expeditionsreise zu begeben.

Auf folgende Ursachen greifen wir in der Regel dabei zurück:

  • Instrumentaltechnische Ursachen
  • Rhythmische Ursachen
  • Klangliche Ursachen
  • Intonatorische Ursachen
  • Musikalische Ursachen
  • Körperliche Ursachen
  • Mentale Ursachen

Im Verhältnis von Übenden und Unterrichtenden sind Letztere hier besonders gefragt – gerade, wenn die Schüler noch sehr jung sind.

4. TOOLBOX

Mit einem „weißen Blatt Papier“, einer leeren Toolbox, fängt man in der Regel selten an.

Die Toolbox kann auch als Fundgrube oder als Herzstück bezeichnet werden. Idealerweise füllt sie sich über die Jahre und enthält eine Vielzahl von Lösungen. Die Toolbox eines Übenden sieht dabei anders aus als die eines Unterrichtenden: Man selbst benötigt „für sich“ die besten Lösungen, eine Lehrkraft hingegen die besten Lösungen für viele unterschiedliche Schülerinnen und Schüler. Hier eine Auswahl beliebter Vorgehensweisen beim Üben:

Abschnittsweise üben | Akzentuieren | Aufführungssimulation | Durchspielen | Dynamisch variieren | Langsam üben | Mental üben | Metronomüben | Mit veränderter Artikulation üben | Ohne Metronom üben | Rhythmisieren | Rückwärts üben | Schleifenüben | Singen und Spielen | Steigern | Stimmen getrennt üben | Stopp-Üben | Variieren | Wiederholen

Weiter gibt es Aspekte, auf die man achten kann, um eine systematische und vielfältige Toolbox aufzubauen. Sie werden u. a. von der ema Musik Initiative entwickelt, beschrieben und veröffentlicht. Hierzu zählen folgende Ansätze:

  1. Übungen, die gezielt auf Wahrnehmungsmöglichkeiten aus der 1. Phase eingehen, mindestens jedoch auf auditive, visuelle und kinästhetische Wahrnehmung.
  2. Das Portfolio durch Übungen und Ansätze erweitern, die auch das Thema Gleichzeitigkeit konsequent einbeziehen. Hier Erklärvideo ansehen

Diese Ansätze und Ideen werden von uns stetig weiterentwickelt. Die Ergebnisse machen wir in Form von Tipps, Onlinekursen, Heften und Workshops für interessierte Übende und Unterrichtende zugänglich. Im Folgenden eine aktuelle Auflistung:

  • Für alle Instrumente:

Körper integrieren - bewusste Aktivitäten | Gleichgewicht aktivieren beim Üben | dem Körper Gutes tun | Rhythmusstabilität für Spieltechnik und Musikalität | musikalisches Phrasieren | Fussrollentechnik

  • zusätzlich für Streicher:

Griffbrettaufsatz | Bogenaufsatz | Anfangsunterricht

  • zusätzlich für hohe Streicher:

Vibrato - alle Arten | Linke-Hand-Pizzicato als Übetechnik (LHP)

5. Entscheiden

Für was aus der Toolbox entscheide ich mich nun? Gibt es überhaupt eine Lösung dafür in meiner Toolbox?

Je mehr verschiedenartige Ansätze in der Toolbox liegen, desto unübersichtlicher kann sie werden. Kommt es zur Überforderung, ist die Phase des Analysierens oft noch nicht zufriedenstellend abgeschlossen.

Von den schätzungsweise 20.000 bis 30.000 Entscheidungen, die wir täglich treffen, werden etwa 95 Prozent von unserem Autopiloten gesteuert, also unbewusst getroffen. Daneben gibt es zahlreiche Alltagsentscheidungen: Was ziehen wir an? Trinken wir Tee oder Kaffee? Wirklich große und komplexe Entscheidungen treffen wir dagegen eher selten. Es lohnt sich, die Entscheidung für eine bestimmte Übung als eine solche große und bewusste Entscheidung zu betrachten, um die Ursache des Problems möglichst effektiv zu beheben.

Ein Aspekt des Entscheidens wird gerne übersehen: Ich kann mich auch dafür entscheiden, dass in meiner Toolbox keine adäquate Lösung liegt.

Entscheiden ist ein Aspekt, bei dem sich Übende und Unterrichtende gleichermaßen weiterentwickeln, da aus den Ergebnissen Erfahrungen entstehen, die wiederum die nächsten Entscheidungen beeinflussen. Je mehr eine Lehrkraft also ausprobiert, desto mehr lernt auch der Übende selbst, wie solche Entscheidungen getroffen werden.

6. Anwenden

Den gewählten Lösungsansatz anzuwenden, nimmt in der Regel die meiste Zeit in Anspruch.

Damit diese Phase effektiv bleibt, durchläuft sie die oben beschriebenen Phasen 1–5 mehrfach: Jede noch so kurze Anwendung oder Ausführung muss wahrgenommen werden – und schon beginnt der Prozess konsequenterweise wieder von vorne.

Die Lehrkraft begleitet die Übenden dabei, bis sie verstanden haben, wie es geht und worauf sie achten sollen. Üben sie anschließend die diagnostizierten Stellen wie im Unterricht besprochen, sammeln sie zu Hause eigene Erfahrungen. An diese kann im nächsten Unterricht gut angeknüpft werden.

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