Klangvoll und Colourstrings
Wenn man die Klangvoll-Hefte und die Hefte des Colourstrings ABC kurz aufschlägt – mehr Zeit haben wir ja oft nicht –, dann lassen sich auf den ersten Blick viele Gemeinsamkeiten ausmachen. Es ist aber der zweite Blick, der über Gemeinsamkeiten und Unterschiede entscheidet. Diesen zweiten Blick möchten wir mit diesem Artikel anbieten.
Dazu betrachten wir unseren Klangvoll-Ansatz und die von u. a. Géza Szilvay entwickelte Colourstrings-Methode genauer und arbeiten heraus, was beide verbindet und auch unterscheidet.
Wir sind die Autorinnen der Klangvoll-Reihe. Colourstrings kennen wir gut, haben über längere Zeit hinweg Kurse bei Géza Szilvay besucht und Schüler:innen danach unterrichtet. Anlass für diesen Artikel sind Fragen an uns, die sich direkt auch auf Colourstrings (CS) beziehen. Zusammengefasst kann man sie in zwei Bereiche einteilen:
- Ist Klangvoll (KV) eine „Light“-Version von CS?
- Worin unterscheidet sich KV von CS?
In keinem Fall möchten wir mit den folgenden Ausführungen eine Vollständigkeit beanspruchen. Auch ein 1:1-Vergleich ist nicht möglich, denn – und darauf werden wir später noch einmal eingehen – CS ist mehr Methode als Repertoire, KV ist mehr Repertoire als Methode. Im Folgenden skizzieren wir Gemeinsamkeiten und Unterschiede und beziehen uns dabei auf die Ausgaben für Geige.
- Ein Kurzbeitrag von Angelika S. Schepke und Erdmute Maria Hohage -
Farbige Noten:
Beide verwenden am Anfang farbige Noten.
Einige Gemeinsamkeiten werden beim zweiten Blick und bei genauerer Analyse zu Unterschieden:
Symbole und Zeichnungen:
Beide weisen eine Reihe von Symbolen auf, jedoch ist ihre Verwendung unterschiedlich. Während Symbole in CS hauptsächlich für Erklärungen und Hinführungen sowie als altersgerechte Hinweise auf Noten, Musikalisches etc. genutzt werden, stellen sie in KV hauptsächlich Variationsmöglichkeiten zum Üben bzw. zur Ausführung dar.
Nutzung des ganzen Griffbretts:
Beide verfolgen den Ansatz, das Griffbrett möglichst früh zu erkunden, jedoch jeweils mit deutlichen Unterschieden. CS wird in zwei bzw. drei Bereiche eingeteilt: den Sonnen- und den Vogelbereich sowie die 1. Lage. Diese werden schwerpunktmäßig durch das Spielen von Flageoletts erobert. KV teilt das Griffbrett in vier Bereiche ein: gelb, rosa, grün und braun. Diese Bereiche werden ausgehend vom grünen Bereich schwerpunktmäßig mit Linke-Hand-Pizzicato als Übetechnik (LHP) erkundet.
Nutzung von Flageoletts:
Beide greifen intensiv auf die Vorteile von Flageoletts zurück, jedoch mit deutlichen Unterschieden in der Verwendung. CS nutzt sie in der Vogel- und Sonnenlage und führt über die Flageoletts das Greifen des 2., 3. und 4. Fingers in der 1. Lage ein. Insgesamt beginnt CS mit den Flageoletts etwas später als KV. In KV ist das Flageolett von Anfang an präsent und bildet einen „Anker“ für die Mitte des Instruments, der unabhängig davon, in welcher Lage später gespielt wird, immer wieder integriert wird.
Linke-Hand-Pizzicato:
Beide nutzen intensiv das Linke-Hand-Pizzicato, jedoch mit unterschiedlichen Anwendungen und Intentionen. In CS wird es erst im Verlauf der Zeit als solches mit dem typischen „+“ markiert und im engeren Sinne als eine Variante der Spieltechnik verwendet (ohne den dafür notwendigen starken Fingerdruck). Es ist Teil der Lieder und kann als Ausführungsmöglichkeit dienen. Auch in KV ist das Linke-Hand-Pizzicato in den Liedern zu finden, quasi als eine Variante der Spieltechnik (ohne den starken Fingerdruck), wird aber als Übetechnik (LHP) systematisch aufgebaut und ab Unterrichtseinheit 15 auch zweistimmig notiert, um Rhythmusstabilität, Koordination und Loslassen gezielt zu trainieren. Darüber hinaus wird empfohlen, auf unterschiedliche Arten zu zupfen.
Kinästhetischer Wahrnehmungskanal:
Unter den besonderen Charakteristika der CS-Violinbücher im Vorwort des Begleitheftes wird unter „Die funktionelle Verbindung der Sinne“ CS als visuell-auditive Erfahrung beschrieben:
Das COLOURSTRINGS ABC verwendet das Prinzip der Verstärkung des Wahrnehmungsvermögens durch die funktionelle Verbindung der Sinne: Jedes neue Element wird so vermittelt, dass es gleichzeitig durch zwei Sinne – visuell und auditiv – erfahren und begriffen wird. Auf diese Weise wird Neues besonders tief und dauerhaft verinnerlicht.
Wir würden CS gerne auch eine kinästhetische Komponente zuschreiben, auch wenn sie deutlich weniger ausgeprägt ist als der visuell-auditive Zugang. Wir sprechen von Kinästhetischem, wenn es konkrete Übungsansätze für etwas gibt, deren Schwerpunkt auf Bewegungen liegt. Um Missverständnisse zu vermeiden: Es geht nicht um das Spielen oder Musizieren an sich, das ja Bewegung pur ist. Vielmehr geht es um gezielte Übungsmöglichkeiten, die sich typischerweise in einer Toolbox befinden und eingesetzt werden können, also um Wege, über die die Informationen verarbeitet werden. An anderer Stelle werden wir auf dieses Thema noch einmal näher eingehen.
Bei CS wird die Verwendung der Füße angeregt. Sie wird sehr selten „notiert“ (z. B. am Ende des Heftes A und in der Mitte des Heftes B), aber mündlich überliefert ist, dass es gut ist, die Füße zu benutzen. Es ist keine systematische Nutzung vorgesehen, und die Füße haben auch keine hohe Relevanz. Trotzdem gehört dieser Aspekt für uns erwähnt, weil er einen wichtigen Lernaspekt trifft, der insgesamt im Lernen eher unterrepräsentiert ist.
KV integriert die Füße deutlich intensiver und strukturierter. Es wird unterschieden zwischen einer synchronen Nutzung mit dem Rhythmus, z. B. eines Liedes, und einer anderen metrischen Teilung. Sie werden von Anfang an integriert und zunehmend als eigenständige Ebene entwickelt. Weiter wird für KV empfohlen, auch die Fußrollen einzusetzen, gedacht als eine frühe Hinführung an die Möglichkeiten, die sich aus der Fußrollentechnik ergeben. Sie sind in KV ein wichtiges und detailliert eingesetztes Übetool.
Einige Unterschiede bleiben auch nach dem zweiten Blick Unterschiede:
Lieder:
Ein Aspekt ist die Anzahl und „Sichtbarkeit“ von Liedern im Heft. CS hat in seinen ABC-Heften vergleichsweise wenige Lieder. Sie sind auch nicht ganz einfach als Lieder zu identifizieren, weil es für die Kinder sichtbar keinen Text o. Ä. gibt. Die Lieder aus dem ABC sind dann auch eng mit ergänzendem Material verknüpft. Laut mündlicher Mitteilung sollen die Lieder außerdem immer in unterschiedlichen Lagen und Tonarten gespielt werden.
KV hingegen hat im 1. Band in jeder Unterrichtseinheit zwei neue Lieder bzw. Stückchen, und Band 2 ist eine Sammlung aus über 100 Liedern aus 26 Ländern. Mit dieser Unterscheidung ist keinerlei Wertung ausgesprochen. Es besteht lediglich ein großer Unterschied aus der Perspektive der Kinder, die oft direkt nach Liedern suchen.
Aber auch für die Unterrichtenden gibt es Unterschiede, denn sie sind in CS aufgefordert, auf dafür eingefügten leeren Lehrerseiten weitere Lieder hinzuzufügen, z. B. Melodien aus dem entsprechenden Kulturraum.
„Übungen“ und „Technik“:
In CS sind „Üben“ und „Technik“ in den ABC-Heften eng mit Liedern und Stückchen verschmolzen – so eng, dass ein Kind mögliche bestehende Unterschiede fast nicht wahrnimmt. KV betont durch seine Formgebung die Bereiche „Übungen“ und „Technik“: Im 1. Band gibt es drei Bereiche in jeder Unterrichtseinheit für die Entwicklung a) der linken Hand, b) der rechten Hand und c) das Musikmachen. Im 2. Band gibt es drei Bereiche in jedem Kapitel: a) eine Technikseite für die Entwicklung der linken Hand und der Grundkoordination, b) Lieder und c) Technikseiten für die Schwerpunkte Bogentechnik, Fingertechnik und ggf. Tonleitern.
Übungen zur Entwicklung der Spieltechnik und Koordination sowie über Icons kommunizierte Arten, wie etwas geübt werden kann, sind in KV deutlich hervorgehoben.
Systematisches Greifen der Finger/Griffposition:
Ein Bereich, in dem sich die Schwerpunkte der beiden Konzepte unterscheiden, betrifft die frühe Orientierung auf dem Griffbrett. CS eröffnet Kindern früh einen umfassenden musikalischen Zugang zum Instrument und entwickelt die Orientierung über Klang, Muster und Zusammenhänge über das ganze Griffbrett hinweg. Die erste Griffposition, in der die Finger systematisch erlernt werden, ist die 1. Lage.
KV beschäftigt sich auch mit der Frage, welche Griffpositionen bestimmte körperliche Organisationsprinzipien langfristig unterstützen können. Der Ansatz nutzt zunächst die Mitte des Griffbretts und als erste Griffposition die 4. Lage. Dabei geht es nicht darum, technische Schwierigkeiten vorzuziehen, sondern darum, bestimmte Bewegungszusammenhänge früh erfahrbar zu machen. Die 4. Lage wird dadurch nicht als spätere Spezialtechnik betrachtet, sondern als eine mögliche Lernumgebung, in der bestimmte körperliche Grundlagen früh entwickelt werden und im weiteren Verlauf viele Erleichterungen mit sich bringen.
Während CS also das Greifen der Finger in der 1. Lage einführt und andere Lagen erst deutlich später hinzukommen (im engeren Sinne als Lagenspiel, denn es ist so gemeint, dass die Lieder in CS auch in anderen Lagen und Tonarten gespielt werden sollen, auch wenn dies nicht ausgeschrieben wird), legt KV den Fokus auf die Mitte des Instruments und bereitet das Greifen in der 4. Lage vor. KV Band 1 kann darüber hinaus auch genutzt werden, wenn das systematische Greifen dann doch in der 1. Lage eingeführt werden soll. Das ist vermutlich der bedeutendste Unterschied: Bezugspunkt von CS ist die 1. Lage, Bezugspunkt von KV ist die Mitte.
Aufteilung des Griffbretts:
Wie bereits oben angedeutet, wird in CS das Griffbrett nach Flageolett-Kriterien aufgeteilt: Sonnenbereich, Vogelbereich und 1. Lage. In KV wird es hingegen in vier Bereiche mit unterschiedlichen Farben aufgeteilt. Damit ergibt sich in CS ein Schwerpunkt auf der auditiven Entdeckung des Griffbretts, während in KV eine kinästhetisch-auditive Entdeckung im Vordergrund steht. Die Aufteilung in CS unterstützt durch die Abstände der Flageoletts eher größere Bewegungen. In KV hingegen können nach Bedarf auch feinere Bewegungen unterstützt werden.
Es wurde oben bereits darauf aufmerksam gemacht, dass CS als eine ausgeschriebene Methode verstanden werden kann und KV nicht als eine solche. Auch wenn wir nicht wissen, ob Géza Szilvay damit einverstanden wäre, dass CS aus einer Philosophie heraus entwickelt wurde oder zumindest eine solche hinter CS steht, fühlt sich das für uns so an. Nach unserer Erfahrung ist sie ein integrativer Bestandteil von CS, gerade keine „Light-Version“ zu erschaffen, indem man einzelne Aspekte herauspickt. Das ist nichts, was man noch einmal erfinden müsste.
KV ist hingegen eher ein Repertoire, das sich mit allen Arten des Vermittelns sehr gut verträgt. Auch hier gibt es viel Neues zu entdecken, z. B. die Vielfalt an empfohlenen Übemöglichkeiten mit neuen Schwerpunkten, Übetechniken und natürlich dem direkten Greifen in der 4. Lage. KV ist quasi deshalb entstanden, weil wir die bereits ausgearbeiteten Ansätze für das Üben allgemein direkt für den Anfangsunterricht aufbereiten wollten.
Und jetzt zu der Gemeinsamkeit: Sowohl für CS als auch für KV gilt: Es hängt entscheidend vom Unterrichtenden ab, was daraus entsteht und was jede:r für sich mitnehmen kann. Denn wir Unterrichtenden nutzen im besten Fall etwas, das wir auch überzeugend leben und transportieren können. Von daher ist jede Methode und jedes Repertoire nur so gut wie die Anwender:innen.
Und was bleibt zu sagen über die erste Frage?
Einige Gemeinsamkeiten und Unterschiede wurden oben skizziert. Es gibt noch eine Reihe weiterer Aspekte, die in Betracht gezogen werden können, denkt man beispielsweise an Anwendungsmöglichkeiten oder das Zusammenspiel auf Seiten der Kinder, aber auch an das Erlernen der Methode oder die Nutzung des Repertoires auf Seiten der Unterrichtenden.
Ob man „ein bisschen Colourstrings machen kann“, muss jede:r für sich entscheiden. Klar muss sein: Wenn man KV anwendet und denkt, man mache ein bisschen CS, dann ist das unserer Meinung nach zu kurz gegriffen. Auch umgekehrt würde es nicht funktionieren.
In diesem Sinne wünschen wir allen viel Erfolg – mit und ohne Klangvoll oder Colourstings.