So war es ...

Teestunde

Es war an einem dunklen Herbstnachmittag im Dezember 2016, zu Hause bei Erdmute. Wir saßen an ihrem großen runden Esstisch. Eine Kerze stand in der Mitte des Tischs und ein paar Plätzchen lagen auf einem Teller. Gemütlich war es, wie immer, wenn wir schöne Arbeit vor uns hatten. Ein Stapel von Partituren lag vor uns. Wir wollten sie besprechen, ein Kammermusikkurs mit Jugendlichen sollte kurz nach dem Jahreswechsel beginnen und es gab noch einiges zu thematisieren. Man könnte sagen, dass nichts außergewöhnliches an diesem Tag war, auch im Nachhinein nicht. Es war wie immer, ein unspektakuläres Vorbereiten und besprechen von Partituren. Dass dieser Nachmittag unser Leben stark verändern würde, dafür gab es keinerlei Anzeichen oder Pläne. 

Eine ziemlich blöde Bewegung: Disput

Wir erinnern uns nicht mehr ganz genau, was sich kurz davor ereignete. Wir wissen nur noch, dass Erdmute eine Massagerolle in die Hand nahm - sie lag ebenfalls auf dem Tisch - und eine Bewegung machte, die uns "blöd" vorkam. Das ist nichts aussergewöhnliches, probieren wir doch ständig irgendwelche Dinge aus und verwerfen sie auch wieder. Aber hier war es anders: Uns war irgendwie beiden klar, dass wir dieses Ding aufschneiden müssten, jedenfalls haben wir es gleichzeitig ausgesprochen. Auch wenn wir uns da einig waren: Erdmute wollte nicht, dass wir "diese" Rolle aufschneiden, denn sie fand die Farbe so schön. Angelika war die Farbe völlig egal, also haben wir diskutiert. Im Nachhinein war das natürlich keineswegs "sinnvoll", aber: Die Lösung war, dass Erdmute mit dem Rad zum nächsten Laden fuhr und eine Rolle in einer hässlichen Farbe kaufte. Das war schnell erledigt.

Mit dem Messer geht es besser

Die "hässliche" Rolle musste nun aufgeschnitten werden. Wer Erdmute kennt, der weiss, dass es bei ihr keine scharfen Messer oder Scheren im Haushalt gibt. Mit einem Brotmesser haben wir das Teil in zwei Stücke zerlegt und sie mit einem Obstmesser so präpariert, dass wir sie auf das Griffbrett und den Bogen legen konnten.

Schrecken

Angelika legte das Teil auf den Bogen, fasste es (so gut es eben ging) an und spielte ein paar Noten auf der Geige und beide waren wir erschrocken. Es war für uns selbst unglaubwürdig, dass das, was wir vernommen hatten, Realität sein konnte. Es machte uns sogar Angst! Wir legten das Teil beiseite und versuchten uns auf unsere Partituren zu konzentrieren, was natürlich überhaupt nicht klappte. Also gingen wir in ihr Studio und nahmen eine Bratsche und legten das andere Teil auf die Saiten drauf. Erdmute begann, einfach zu vibrieren und es war nicht fassbar. 

Zweifel

Wir hatten große Zweifel ... nicht nur, dass wir das nicht wahrhaben wollten, wir konnten es uns einfach nicht vorstellen. Und was würde das überhaupt bedeuten, wenn es doch Realität wäre? Dürfte das überhaupt sein? Bilden wir uns vielleicht all das nur ein? All diese Zweifel ließen uns die Teile beiseite legen und den Arbeitsnachmittag beenden. Angelika fuhr nach Hause und beide hatten wir eine schlechte Nacht. Also trafen wir uns am nächsten Morgen wieder und probierten das Ganze noch mal aus. Am Ergebnis veränderte sich nichts. 

Der Bogenaufsatz auf der Überholspur

Ab dann ging alles ganz schnell. Ein Patentanwalt, ebenfalls begeistert von der Sache, half uns, einen ersten Schutz zu beantragen, damit wir mit der Idee überhaupt mit anderen Menschen sprechen und sie ausprobieren konnten. Wir wollten uns erst um den Bogenaufsatz kümmern. Ein befreundeter Ingenieur übersetze unsere Wünsche in ein CAD-Programm ...  Es dauerte nur wenige Wochen und die erste Form für einen Prototypen lag vor. Erste Formtests wurden mit dem 3D-Drucker gedruckt und dann getestet, die Form optimiert und ein Gießer gefunden, der uns die ersten Abgüsse machte. Wir hatten schon einen Filmemacher aus Berlin beauftragt, die Ergebnisse in einem Film festzuhalten. Morgens kamen die ersten Abgüsse mit der Expresslieferung und mittags war schon Drehbeginn. Die Abgüsse waren praktisch noch "warm". Der Film wurde abgedreht. Die Form wurde noch mal überarbeitet, damit ein besserer Sitz auf dem Bogen gewährleistet ist. Dann haben wir  weitere Abgüsse beauftragt und 15 weitere Clips zu spezifischen technischen und musikalischen Aspekten der hohen Streicher gedreht. Es lief wie am Schnürchen, alles passte und wir waren übermäßig happy. Dass wir uns bereits in einer großen Katastrophe befanden, war uns damals noch nicht klar.

Unsere Ansprüche und ein Flop

Es war uns von Anfang an klar, dass wir einen Weg finden wollten, die Teile so zu produzieren, dass sich alle, so etwas würden leisten können. Entsprechend war uns klar, dass so ein Aufsatz bezahlbar sein muss. Experten rieten uns zum Spritzguss. Wir waren begeistert, haben Spritzgussmaschinen und -formen angesehen, Produktionen besucht und die Abläufe und aus nächster Nähe erleben können. Wir haben "unsere" Form bauen lassen und warteten gespannt auf die ersten Probeabgüsse. Doch als diese im Februar 2018 endlich geliefert wurden, war die Enttäuschung groß. Die Teile sahen alle so aus, wie wir das wollten. Sie waren "perfekt", nur: Sie funktionierten nicht. Viele hatten gar keinen Effekt, andere evozierten das Gegenteil: Keine Klangvergrößerung und keine gleichzeitige Entspannung beim Spielen, stattdessen: Ein mickriger Klang und Schmerzen in den Fingern. Jeder, der sie ausprobierte sagte von sich aus, dass es ihn anstrengen würde, dass er keine Lust hätte, dass es demotivierend sei und wir selbst ergänzen das durch den Eindruck, dass wir aggressiv spielen würden. Von der Euphorie, die alle beim Spielen mit den Film-Prototypen versprühten, war nichts mehr zu spüren. Das war ein erster Dämpfer und wir ahnten nicht, dass dieser große Folgen haben würde.

Kann man noch tiefer fallen als bei Null anzufangen?

Ein halbes Jahr Bemusterung und dann setzten wir alles auf Null und fingen von vorne an. Es erschien uns zwecklos. Keiner der konsultierten Experten konnte uns weiterhelfen. Es war wie verhext. Kein Land in Sicht und so entschieden wir, dass wir mit dem bereits bekannten Verfahren weitermachen würden, auch wenn jedes Teil damit in Handarbeit gefertigt werden muss. Gesagt, beauftragt und geliefert! Und ja: man kann noch tiefer fallen! Die Frustrationspirale wollte kein Ende nehmen. Kein einziger Abguss funktionierte. Wir dachten schon, dass es Verwechslungen im Material oder andere Abweichungen gibt, aber nein! Alle haben alles so gemacht wie bewährt, keine Fehler ... und keine Ergebnisse. Ein paar Wochen später haben wir dann selbst bemerkt, es war Sommer 2019, dass das Material an sich nicht in Ordnung sein muss und wenige Monate später wurde es ganz vom Markt genommen. Damit standen wir bei weniger als Null da und wir entschieden uns für eine kleine Pause, die wir mit dem Vorhaben beendetem, nun das Griffbrettaufsatz in Angriff zu nehmen.

Der Griffbrettaufsatz auf der Überholspur

Genauso schnell wie den Bogenaufsatz, entwickelten wir die Form für den Griffbrettaufsatz. Die erste Testserie war schnell bewertet und die Form noch mal optimiert ... und dann in Auftrag gegeben. Wir Erinnern uns. Die erste Bestellung betrug 50 Teile - man bedenke: jedes Teil wird einzeln in Handarbeit gegossen - und wir waren so gespannt, wussten wir ja, dass jetzt alles gut würde. Und nein: Nichts wurde gut. Das Material versagte komplett. Es klebte und hatte keine zuverlässige Steifigkeit. Die Verzweiflung, auch auf Seiten des Gießers, war groß. So fuhr Angelika spontan zum Gießer und verbrachte dort 3 Tage. Gemeinsam gingen sie auf Fehlersuche. Nur: Worin besteht das Problem? Die alternativen Materialien, die in ihrer Anwesenheit vergossen und ausprobiert wurden, funktionierten einfach nicht. Statt einer Entspannung, kam es zu Erstarrungen und Verkrampfung und das sollte ja nicht sein.

Am Abend vor Angelikas Abreise wollte der Gießer noch mal einen letzten Versuch vergießen, es war wie "die letzte Option". Am nächsten Vormittag wurde sie vom Hotel abgeholt. Die Probeteile wurden viele Stunden früher aus dem Ofen geholt und waren tatsächlich noch nicht ausgehärtet, aber der erste  Versuch war vielversprechend. Zu Hause haben zahlreiche Probanden dann dieses neue Material testen können und es war wie ein Geschenk: 100 % Funktionsfähigkeit. So kehrte doch wieder ein bisschen Glück zurück, das bis heute anhält. 

Was wird aus dem Bogenaufsatz?

Dank vieler Menschen, die uns in den Entwicklungsmonaten unterstützt haben, sind wir weiterhin optimistisch, beide Phänomene des Bogenaufsatzes wieder herstellen zu können. Jetzt, wir schreiben nun das zweite Corona-Jahr, nachdem wir auch den Griffbrettaufsatz für tiefe Streicher auf den Markt gebracht haben, haben wir uns Zeit genommen, den Bogenaufsatz weiter zu verfolgen. Mittlerweile können wir auch einen sehr guten Erfolg verzeichnen. Einer der beiden Phänomene, das Entspannen während des Spielen, können wir wieder herstellen. Auch verändert sich der Klang enorm, nur nicht so "subito", wie wir es gerne wieder hätten. So bleiben wir an letzterem Punkt weiter dran. 

Jedoch können wir den Bogenaufsatz nicht mehr zurückhalten. Er kann auf Anfrage bezogen werden. Die eintretende Entspannung hilft so vielen, ihre Spieltechnik enorm zu verbessern und das möchten wir natürlich unterstützen.  

Fortsetzung folgt ...

Wie es im Detail weitergeht, werden wir hier entsprechend ergänzen. Abonnieren Sie die ema-News und wir halten Sie auf dem Laufenden.