Die erste Griffposition neu denken
Geigen- und Bratschenunterricht beginnt oft wie selbstverständlich in der 1. Lage. Dieser Beginn ist tief in der Tradition verankert. Sie findet sich in zahlreichen Unterrichtswerken und entspricht dem Weg, den viele Generationen von Musiker:innen erfolgreich selbst gegangen sind. Doch mit dem heutigen Wissen über u.a. Bewegungslernen und Biomechanik stellt sich eine spannende Frage:
Ist die 1. Lage tatsächlich der natürlichste Ausgangspunkt für die Entwicklung des Instrumentalspiels?
Diese Frage beschäftigt mich seit vielen Jahren. Ich bin Mitautorin der Unterrichtswerke Klangvoll von Anfang an sowie Klangvoll in der 4. und 1. Lage. Deshalb möchte ich in diesem Beitrag bewusst unterscheiden zwischen Erkenntnissen aus der Fachliteratur, Beobachtungen aus der Unterrichtspraxis und den daraus entstandenen didaktischen Schlussfolgerungen.
- Gedanken von Angelika S. Schepke, Mitautorin der Klangvoll-Reihe -
Unabhängig von der verwendeten Instrumentalschule besteht in der modernen Instrumentalpädagogik weitgehend Einigkeit darüber: Die ersten Bewegungsmuster prägen die spätere Entwicklung. Paul Rolland beschreibt in The Teaching of Action in String Playing, dass gute Technik nicht durch starre Positionen entsteht, sondern durch koordinierte und natürliche Bewegungen des gesamten Körpers. Beweglichkeit, Gleichgewicht und funktionale Koordination sollen nicht erst später entwickelt werden. Sie bilden die Grundlage des Spiels. Auch die Bewegungswissenschaft beschreibt motorisches Lernen nicht als bloßes Wiederholen einer äußeren Form, sondern als Aufbau funktionaler Bewegungsmuster. Forschungen von Nikolai Bernstein sowie Richard Schmidt und Timothy Lee zeigen, dass stabile Bewegungen durch Wahrnehmung, Anpassung und vielfältige sensorische Rückmeldungen entstehen. Diese Erkenntnisse beantworten jedoch noch nicht die entscheidende Frage: Welche erste Griffposition unterstützt diese natürliche Organisation am besten?
Historisch ist die Dominanz der 1. Lage nachvollziehbar. Sie bietet für die Übenden einen überschaubaren Anfangsraum. Aus biomechanischer Sicht ist sie jedoch nicht automatisch die einzige oder beste Möglichkeit. Verschiedene pädagogische Ansätze haben diese Annahme bereits hinterfragt. Beispielsweise das Bornoff String Program arbeitet mit einem erweiterten Ansatz. Auch Untersuchungen wie die Studie von Eylem Arıca zu alternativen Ausgangspositionen zeigen, dass unter Pädagog:innen die Frage nach geeigneteren Anfangspositionen diskutiert wird. Einige befragte Lehrkräfte äußerten sogar Vorteile höherer Positionen. So findet sich beispielsweise die Einschätzung: "I think 4th or 5th position is even better than 3rd as the body of the instrument helps aligning the hand." Eine andere Lehrkraft formuliert: "Actually, fourth position is ideal for most ... I believe that fourth position is most comfortable." Diese Aussagen sind keine wissenschaftlichen Beweise für einen bestimmten Anfangsweg. Sie zeigen jedoch, dass die Vorstellung einer alternativen ersten Griffposition in der Fachwelt durchaus vorhanden ist.
Der Gedanke, den Anfangsunterricht neu zu betrachten, steht nicht isoliert. Er ist Teil einer längeren Entwicklung, in der immer wieder traditionelle Annahmen hinterfragt wurden. Paul Rolland rückte die natürliche Bewegung und körperliche Freiheit in den Mittelpunkt. Géza Szilvay entwickelte mit Colourstrings einen Ansatz, der Klangvorstellung, Gehör, Wahrnehmung und Bewegung von Anfang an miteinander verbindet. Diese unterschiedlichen Ansätze verfolgen nicht unbedingt dasselbe Ziel mit denselben Mitteln. Sie teilen aber eine grundlegende Überzeugung: Kinder sollten nicht auf einen kleinen Ausschnitt des Instruments begrenzt werden, bevor sie das Instrument als Ganzes kennenlernen dürfen.
Aus dieser Entwicklung heraus entsteht eine weiterführende Frage: Wenn wir das Kind* ganzheitlich betrachten, müssen wir dann nicht auch den Körper ganzheitlich denken? Genau hier setzt der Ansatz von Klangvoll / Tuneful an. Die Frage lautet nicht nur: „Welche Töne kann ein Anfänger zuerst spielen?“ Sondern: „Welche Bewegungsorganisation legen wir als Grundlage für die gesamte weitere Entwicklung?“
Unsere Überlegungen beginnen an diesem Punkt. Die 4. Lage ist nicht deshalb interessant, weil sie eine höhere Lage ist. Sie ist interessant, weil sie bestimmte körperliche Voraussetzungen früh erfahrbar macht. In der 4. Lage muss sich der linke Arm anders organisieren:
- Der Ellenbogen bewegt sich unter das Instrument.
- Der Oberarm rotiert nach innen.
- Die Hand findet eine natürliche Ausrichtung.
- Alle vier Finger werden selbstverständlich einbezogen.
Diese Organisation entsteht nicht nur durch Erklärung. Die Lage selbst fordert sie ein.
In der 1. Lage kann man hingegen zunächst erfolgreich spielen, auch wenn diese vollständige Armorganisation noch nicht vorhanden ist. Besonders wenn der vierte Finger zunächst wenig verwendet wird, bleibt die notwendige Innenrotation häufig unentdeckt. Beim späteren Übergang in höhere Lagen muss diese Organisation dann nachträglich aufgebaut werden. Unsere Erfahrung ist, dass es leichter ist, eine funktionale Bewegung von Anfang an zu entwickeln, als eine bereits automatisierte Bewegung später grundlegend zu verändern.
In Klangvoll von Anfang an beginnen Kinder zunächst in der Mitte des Griffbretts. Flageoletts dienen als sichere Orientierungspunkte. Das Linke-Hand-Pizzicato wird von Anfang an als Übetechnik (LHP) eingesetzt und verbindet Fingerbewegung, Armorganisation, Klangvorstellung, Gehör, Loslassen-Können und Rhythmusstabilität. Man lernt dadurch nicht zunächst einzelne isolierte Lagen. Vielmehr entwickelt man eine Beziehung zum gesamten Griffbrett. Die spätere Arbeit in der 4. Lage und anschließend in der 1. und anderen Lagen ergibt sich daraus als systematische Weiterentwicklung.
An dieser Stelle möchte ich eine Beobachtung aus unserer Unterrichtspraxis teilen. Meine Kollegin und ich haben über viele Jahre erlebt, dass sich bei vielen Kindern ein deutlicher Entwicklungsschritt zeigt, sobald sie sicher in der 4. Lage angekommen sind. Die Veränderung betrifft nicht nur die Technik. Die Bewegungen werden freier. Der Arm arbeitet entspannter. Die Hand beginnt leichter loszulassen. Aber häufig verändert sich auch das musikalische Spiel. Kinder gestalten mutiger. Der Klang wird differenzierter.
Die musikalische Vorstellung scheint stärker in den Vordergrund zu treten. Viele Kolleginnen und Kollegen berichten ähnliche Beobachtungen, wenn man mit ihnen über diesen Entwicklungszeitpunkt spricht. Wissenschaftlich lässt sich dieser Zusammenhang bisher nicht eindeutig belegen. Als pädagogische Beobachtung ist er jedoch bemerkenswert: Wenn der Körper weniger mit grundlegender Organisation beschäftigt ist, können möglicherweise neue Räume für Klangvorstellung und musikalischen Ausdruck entstehen.
Aus den genannten Überlegungen ergeben sich zwei interessante Thesen:
These 1:
Eine funktionale Organisation des linken Arms sollte nicht erst durch spätere technische Anforderungen entstehen, sondern kann bereits den Anfangsunterricht prägen.
These 2:
Die Wahl der ersten Griffposition beeinflusst möglicherweise nicht nur die technische Entwicklung, sondern auch die spätere musikalische Beweglichkeit.
Beide Thesen sind hier gemeint als eine Einladung zur Beobachtung, zum Ausprobieren und zur fachlichen Diskussion.
Eine Einladung an die Streicherpädagog:innen
Die Frage ist vielleicht nicht: „Ist die 1. Lage richtig oder die 4. Lage?“ Die spannendere Frage lautet: Welche ersten Erfahrungen helfen, sich auf dem Instrument langfristig frei zu entwickeln?
Die moderne Streicherpädagogik hat immer davon profitiert, vertraute Wege neu zu betrachten. Wenn wir das Kind* mit seinem Gehör, seiner Vorstellungskraft und seinem Körper sehen, dann gehört auch die Organisation des Körpers von Anfang an in den Mittelpunkt. Vielleicht beginnt technische Freiheit dort, wo der Körper sich natürlich organisieren darf. Und vielleicht entsteht daraus die Grundlage für musikalische Freiheit.
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* In diesem Kontext sind konsequenterweise nicht nur die Kinder zu denken, sondern grundsätzlich alle Anfänger:innen, unabhängig ihres Alters. Inwiefern das auch für Fortgeschrittene gilt, muss an anderer Stelle diskutiert werden.
Forschung und theoretische Grundlagen
(Bewegung, Wahrnehmung, motorisches Lernen, Embodiment)
Nikolai A. Bernstein. The Co-ordination and Regulation of Movements, 1967
Richard A. Schmidt, Timothy D. Lee. Motor Control and Learning: A Behavioral Emphasis Human Kinetics, div.
Marc Leman. Embodied Music Cognition and Mediation Technology, 2008
Richard Shadmehr, Sandro Mussa-Ivaldi. Biological Learning and Control: How the Brain Builds Representations of the World, 2012
Streicherpädagogische Tradition und moderne Unterrichtsansätze
(Bewegungsfreiheit, Klangvorstellung, ganzheitlicher Anfangsunterricht)
Paul Rolland, The Teaching of Action in String Playing, 1974
Ivan Galamian, Principles of Violin Playing and Teaching, 1962
Yehudi Menuhin, Violin: Six Lessons with Yehudi Menuhin, 1971 und Videomaterial
Géza Szilvay, diverse Veröffentlichungen, Skripte und mündliche Überlieferungen über Colourstrings
George Bornoff, Bornoff String Program (freight zugängliche Überlieferungen)
Shinichi Suzuki, Ability Development from Age Zero, 1981
Befragungen zu alternativen Ausgangspositionen
Eylem Arıca, An Analysis of Violin and Viola Instructors’ Opinions of Using the Third Position as the Home Position for Beginning-Level Violin/Viola Education, 2021
Eigene Weiterentwicklung
Erdmute Maria Hohage, Angelika Schepke, Klangvoll von Anfang an
Erdmute Maria Hohage, Angelika Schepke, Klangvoll in der 4. und 1. Lage